Zurecht wurde kürzlich bemängelt, dass es auf diesen Blog-Seiten nichts Neues mehr gibt. Die Zeiten sind auch so: Ständig passieren schlimme Dinge, aber etwas wirklich Neues gibt es nicht. Das gilt nicht nur für die große Politik in und um Israel und anderswo, es gilt auch für die Kommentare und die Positionierungen zu denselben Dingen. Der ewige Bibi führt seinen Krieg nicht zuletzt auch für sich selbst, der MAGA-Narzisst überm Atlantik kündigt täglich, manchmal mehrfach, neue großartige Deals an, aber kaum sind die Kameras aus, weiß jeder, dass alles beim Alten bleibt. Nichts Neues auch bei der „breiten Öffentlichkeit“: Die Schützengräben sind geschaufelt, Gut und Böse sind sauber verteilt, Täter wie Opfer sind immer dieselben. Im Zeitalter des Individualismus pflegt man seine Innerlichkeit auch im Blick auf die Außenwelt und die große Politik. Der Tübinger Philosoph Simon Schüz hat das neulich in der Süddeutschen Zeitung überzeugend nachgezeichnet.[1] Schon Hegel hat vorgeführt, wie seit der Romantik die schöne Seele in den öffentlichen Raum eintritt und ihr Innerstes zum Maßstab für die Wirklichkeit macht. Das Gewissen der schönen Seele ist rein. Sie tut selbst nichts, hat aber eine persönliche Meinung und kann jederzeit vor sich selbst bestehen. Einfach gesagt: Simplifizieren kostet nix, der innere Kompass wird schon der richtige sein.

 Aus der Beobachterperspektive - und dies gilt auch für den Blick auf die Beobachter - gibt es in Gaza und Israel nichts Neues. Die Stellungen sind geschaufelt. Der Antisemitismus der dummen Kerle erkämpft kleine Geländegewinne je länger Bibi die Geiseln militärisch befreien will. Hamas und Palästinenser werden fast ununterscheidbar als das revolutionäre Subjekt wahrgenommen, das die Weltrevolution doch noch zum Sieg führen könnte. Die Social-Media-Flutung hat selbst in der hinterletzten akademischen Provinz das Narrativ durchgesetzt: „Free Palestine vs. Völkermörder Israel“. Auf der anderen Seite, der „Law-and-Order-Rechten“,  ist man auch ein paar Schritte voran gekommen, auch wenn sie nicht wirklich etwas Neues bedeuten. Islam und Islamisten sind ununterscheidbar geworden, wie neulich ein Redner auf einer Demo in Mannheim verkündete[2]. „Pro Israel“ heißt bei den Rechten längst „Anti Islam“. Die Völkischen aller Länder vereinen sich auf einer Trump-Putin- Orban- AfD- Achse[3] und wähnen Israel mit seinen rechtsradikalen Ministern  längst mit im Boot. 

 Wer bis hierher gelesen hat, versteht, warum mir die Lust am Blog abhanden gekommen ist. Aber es hilft ja nix. Auch Nicht-Schreiben ist Nichts-Tun und auch nur  eine Spielart von romantischer Gesinnung. Und einen Shitstorm habe ich bei der überschaubaren Reichweite dieses Mediums ohnehin nicht zu fürchten. Ich will mal mit Hilfe der israelischen Soziologin Eva Illouz probieren, doch was Vernünftiges in dieser Situation zu sagen. Sie diagnostiziert die Lage drastisch, aber präzise: „Im verminten Gelände irrt der Verstand leicht im moralischen Dunkel“. [4] In Israel und Frankreich lehrend, hat sie mehr als eine Perspektive. Als Leser der SZ bin ich froh, dass diese Stimme dort ab und zu Wort kommt. Ansonsten ist auch hier die Berichterstattung allzu oft von moralischem Dunkel umzingelt, wohl weil Israel-Bashing leserzustimmungsheischend gut ankommt. Illouz beschönigt an Netanjahus Regierung nichts. Sie verschuldet die humanitäre Katastrophe in Gaza, begeht Kriegsverbrechen, ist inkompetent und hat jede Rechtfertigung verloren. Dennoch kritisiert Illouz die 200 Kulturschaffenden , die in einem offenen Brief an Kanzler Merz einschneidende Maßnahmen gegen Israel gefordert haben. Ebenso kritisiert sie den weltbekannten israelischen Schriftsteller David Grossman, der davon spricht, dass Israel Völkermord begehe. Beide Positionen haben sich im moralischen Dunkel verirrt, weil sie in ihrer Israel-Kritik den Kampf gegen den Antisemitismus aus den Augen verlieren. Die Hamas hat ihr Kriegsziel bereits erreicht: Weltweit steigt antisemitische Gewalt erschreckend an; Juden fühlen sich auch in demokratischen Gesellschaften, nicht mehr sicher; die allgegenwärtigen Boykottaufrufe erinnern an die Ghettoisierung früherer Zeiten; Zionismismus, Israel, Juden werden in einem Atemzug dämonisiert und das allerschlimmste bei alledem ist die Behauptung, dass es Antisemitismus gar nicht gibt und wenn, dann sei Israel selbst schuld daran.

Sodann benennt Illouz die roten Linien, wann Antisemitismus vorliegt:


1.                  Die Behauptung Israel sei ein Kolonialprojekt. Die UN hat 1947 die Rechtmäßigkeit des jüdischen Staates und damit natürlich auch die Einwanderung dorthin anerkannt.

 

2.                  Der israelbezogene Antisemitismus verkennt, dass sich Israel seit Gründung im Kriegszustand befindet mit Feinden wie dem Mullahregime in Teheran und Terrororganisationen vom Kaliber Hisbollah und Hamas. Allesamt Holocaustleugner, zumindest  – Holocaustvergessene.

 

3.                  Israelische Zivilisten leben unter täglichem Beschuss von Raketen, Terroranschlägen und ideologischen Angriffen. Täter-Opfer-Umkehr ist an der Tagesordnung. Die Hamas könnte jeden Tag den Krieg um Gaza beenden, indem sie die Geiseln freilässt. Ihr Vorgehen ist genozidal, nicht zuletzt gegen die eigene Bevölkerung. Gefordert wird das Kriegsende in der Regel aber nur von Israel.

 

4.                  Boykottaufrufe gegen Israel sind „schlicht rassistisch“. Wer nur über ein minimales Wissen über die Geschichte des Konflikts verfüge, könne Israel nicht zum allein Schuldigen machen und bekämpfen.

 

Ich komme zur Überschrift. Als Merz letzte Woche den Lieferstopp für bestimmte Waffen nach Israel verkündete, dachte ich, es ist doch gut, wenn der Druck auf Netanjahu erhöht wird. Das ist doch im Sinne der Demonstranten, die auch an diesem Tag wieder auf der Straße waren und das Ende von Krieg und Netanjahus Regierung forderten. Ich fragte per Mail bei einer Freundin in Tel Aviv nach, was sie davon hält. Vermutlich war sie selbst bei der Demo dabei gewesen. Empört wies sie den Boykott der Deutschen zurück, ohne es weiter zu begründen.

 Es ist also beileibe nicht das Gleiche, ob man in Deutschland oder in Israel gegen Netanjahu ist. Meinungen können zugleich richtig und falsch sein. Für Studierende aller Art: Wissenschaftlich nennt man die Fähigkeit, mehrere Perspektiven einzunehmen, Ambiguitätstoleranz. Unbedingt lernen!

 



[1] S. Schüz, Die Geburt der Hassrede aus dem Geist der Moral, SZ vom 11. August 2025

[2] Es war eine Solidaritätsdemo für ein Mitglied der jüdischen Gemeinde, das auf einer „Free-Palestine-Demo“ bewusstlos geschlagen worden war, ohne dass sich die Polizei genötigt sah, einzugreifen. Vgl. JAZ vom 11.8.2025 „Ich wurde behandelt wie ein Täter“.

[3] Die Reihe hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit

[4] Vgl. zum Folgenden: Die Zeit Nr.33/2025. Eva Illouz, Vier Warnhinweise für die intellektuelle Diskussion über Gaza und Israel. Ein ähnlicher Artikel von ihr erschien kürzlich in der SZ.