Leider fand ja meine für drei Wochen geplante Reise nach Israel ein vorzeitiges Ende. Am Donnerstagabend (11.09.) stürmte ich in Tel Aviv mit meinen Gehstöcken zu einem Treffen in einer Bierkneipe und lag plötzlich auf dem Gehweg. Sofort waren mindestens 10 hilfsbereite Passanten zur Stelle und halfen mir wieder in die Senkrechte. Kol BeSeder ? Die besorgten Nachfragen, ob alles in Ordnung sei, konnte ich leider nicht bejahen. Die Rippen links stachen gewaltig und auch die linke Schulter hatte was abbekommen. Freund Armin eilte herbei und brachte mich in das Lokal, wo nach einem Bier die Welt schon wieder besser aussah. Aber in den Tagen danach wurde sie wieder schlechter. Ich versuchte das Programm durchzuziehen, eine gebrochene Rippe ist zwar schmerzhaft und hinderlich, aber verheilen muss sie ja ohnehin von selbst. Dumm nur, dass ich mir schon im Negev dank der eiskalten Klimaanlagen einen üblen Husten geholt hatte. Der vertrug sich jetzt mit der Rippe gar nicht, besonders nachts gab es Hustenattacken und wenig Schlaf, so dass ich mich in Haifa, am Montag (15.09.) zum Rückflug entschied. Der erfolgte erst am Tag danach mit einer dreistündigen Verspätung, weil das Flugzeug wegen einer Panne am Flügel vom Rollfeld zurückgeholt wurde. Der Medizincheck zuhause in Mannheim ergab, dass keine Rippe gebrochen war. Die Bronchitis zog sich noch einige Zeit hin. Aktuell zwickt immer noch die Schulter, so dass beim An- und Ausziehen von Jacken immer wieder seltsame Verrenkungen nötig sind.
Aber noch mal von vorne. Eigentlich wollte ich ja jeden Tag ausführlich etwas in den Blog schreiben wie am Tag der Anreise. Stattdessen kommen jetzt nur chronologisch die Highlights, wie ich sie erinnere.
Helmut und ich begaben uns am Tag nach der Ankunft auf den Beduinenmarkt in Beersheba, um Hut und weitere Reiseutensilien für den Trip in den Negev zu erwerben. Helmut erwarb einen Lawrence von Arabien-Hut, ich brauchte Schnürsenkel für meine orthopädischen Schuhe. Als ich dem Hutverkäufer mein Anliegen klar gemacht hatte, übergab er seinen Laden einem Nachbarn und durchquerte mit uns mehrere Male den Markt bis wir fündig wurden. Shmuel, aus dem Jemen schon in den 40er Jahren eingewandert, immer voraus und ich auf den Stöcken humpelnd hinterher. Als ich ihm ein Backschisch für seine Bemühungen geben wollte, wies er das entrüstet zurück. Einem Gast weiterhelfen ist hier Ehrensache.
Nächste Station war der Tel Beersheba, wo nach biblischer Überlieferung Abraham vor mehr als 3000 Jahren einen Brunnen gegraben hat. Tatsächlich stößt man auf einen 40 m tiefen Brunnen, der allerdings wohl erst später in der sogenannten Königszeit (9.Jh. v.Chr.) gegraben wurde. Herrlich der Ausblick nach Norden bis Hebron und nach Süden in den Negev, wo noch etliche Kilometer die recht neue Bahnlinie zu sehen ist. Am Eingang des Nationalparks unterhielten wir uns lange mit dem Ticketverkäufer. Er war richtig froh über unseren Besuch, weil fast keine Touristen mehr kamen.
Ähnlich war es am nächsten Tag in Avdat. Auch hier klagte die Mitarbeiterin über den allenthalben spürbaren Boykott Israels. Sie hatte gerade mit ihrer Schwester telefoniert, die in Italien lebt und auch dort mit dem zunehmenden Antisemitismus konfrontiert wird. Diese Erfahrung sollten wir noch öfter machen: Als Israel-Besucher waren wir in diesen Zeiten Exoten und stießen deswegen immer wieder auf Sympathie.
Drei Tage blieben wir in Mizpe Ramon, am Rand des gigantischen Kraters Maktesh Ramon, der sich bei einer Länge von 35 km etwa 10 km weit Richtung Arava-Graben erstreckt. Er ist weder vulkanischen noch meteoritischen Ursprungs. Er bricht vielmehr in Richtung des tiefsten Risses in der Erde ab und bietet einen Einblick in etwa 200 Millionen Jahre Erdgeschichte. Brüche und Erosion enthüllen Unmengen von Fossilien und Mineralien, die in unterschiedlichsten Farben leuchten, auch auf Zeugnisse intensiven Bergbaus stößt man immer wieder. Von Mizpe aus gab es einen Ausflug zu Ben Gurions Grab in Sde Boker, wo er mit seiner Paula ein schönes Ruheplätzchen gefunden hat und in seinen geliebten Negev blickt. In Avdat gab es imposante Reste von Nabatäer-,Römer- und Byzantinerbauten zu bestaunen.
Am 5. Tag ging es durch den Negev hinauf nach Jerusalem. Unterwegs besuchten wir das einzige Weingut im Negev, betrieben von einem Freund Gabis. Zum Empfang gab es einen trockenen Weißen mitsamt der Story des Ortes. Gabi und Alon Zsadok sind seit dem Yom-Kippur-Krieg befreundet. Nach den Kämpfen im Sinai blieb Alon dort und grub auf ägyptischen Gebiet nach Wasser. Er wurde 800 m unter der Erde fündig, entwickelte ein Verfahren, das unangenehm riechende Wasser zu reinigen, und begann Wein anzubauen. Es funktionierte bis sich Israel nach dem Friedensvertrag mit Ägypten aus dem Sinai zurück zog und Alon den Ort aufgeben musste. Nicht aber das Projekt. Er ging einfach über die Grenze nahe Kaddesh Barnea, einem Ort der schon im biblischen Buch Exodus erwähnt wird, bohrte nochmal und wiederholte die Aktion. Heute bietet er ein schönes Sortiment von weißen, rosé und roten Weinen an, die hochwertig und freilich, aufgrund der aufwendigen Produktion, nicht ganz billig sind. Ramat Negev Winery - Negev
Kaum hatten wir das Weingut verlassen, piepste Helmuts Alarm-App heftig. Mehrere Warnungen gingen ein, eine Drohne von den Huthis im Jemen abgefeuert hatte es bis in den Negev geschafft. Wir sahen ein paar Kilometer vor uns einen leuchtenden Flugkörper, gleich darauf zwei Hubschrauber und wenig später eine Rauchsäule am Himmel. Wie wir später aus den Nachrichten erfuhren, war die Drohne Teil einer Attacke der Huthis, die von der israelischen Armee vollständig unschädlich gemacht wurde. Der Schreck fuhr uns schon in die Glieder, aber als wir Straßenbauarbeiter unbeeindruckt am Werke sahen, war die Sache schnell als alltägliche Routine hierzulande eingeordnet. Auf dem Weg nach Norden stoppten wir kurz am Kibbuz Beeri, der am 7. Oktober überfallen worden war. Als Touristen waren wir unerwünscht, was in Ordnung war und ist. Das Ausmaß an Zerstörung und der Wiederaufbau der Siedlung war von außen zwar nicht genau zu sehen, aber doch zu erahnen.
Durch die Schefela, das von der Küste ansteigende Gebiet zu den judäischen Bergen, ging es dann nach Jerusalem zu unserem Quartier nahe dem Mehane-Yehuda-Markt. Die Anfahrt geschah über den Norden, vorbei an den ultra-orthodoxen Wohngebieten Buchara und Mea Shearim, was bei mir mal wieder einen kleinen Kulturschock auslöste. Eine belebte Kreuzung war schwarz von Menschenmassen in ebendieser Kleidung, ein kaum übersehbares Zeichen für den demographischen Wandel in Israel.
Am nächsten Morgen erwachten wir mit der Nachricht, dass eben dort ein Terroranschlag verübt wurde mit sechs Toten und sehr vielen Verletzten. Ein Terrorist aus dem Westjordanland hatte die morgendliche Rush Hour genutzt, um möglichst viele Juden zu töten. Einige Meldungen besagten, er sei in einen Bus eingestiegen und habe wahllos in die Menge geschossen, bei anderen hieß es, er habe einfach auf die Menge der an der Haltestelle Wartenden geschossen bis ihn ein bewaffneter Passant ausschaltete.