Erstaunlich wie selbstverständlich geht das Leben in Jerusalem weiter trotz des allgegenwärtigen Terrors. Beim Frühstück am Mehane Yehuda-Marktim Freien nur ein paar Meter von der Straßenbahnlinie entfernt sieht man die gespaltene Gesellschaft auf Schritt und Tritt vorbei kommen. Kuriere rasen auf Fahrrädern und Rollerboards aller Art in einer Affengeschwinidgkeit vorbei, fromme Männer eilen mit Gebetbüchern in der Hand murmelnd vorbei, schwer bewaffnete Polizisten und Security-Leute schlendern eher gelassen und doch fokussiert daher. Auf einmal nimmt ein Trupp junger Frauen am Tisch neben uns Platz. Kaum eine über zwanzig, durchweg alle äußerst knapp und freizügig bekleidet und alle mit einer MP über der Schulter. Ich nehme meinen Mut zusammen und frage sie, ob ich ein Foto von ihnen machen darf, ohne dass die Gesichter zu erkennen sind. Ich zeige ihnen einen Schnappschuss von 2020 auf meinem Handy mit demselben Motiv. Natürlich sind sie irritiert und beraten sich. Klar, das geht nicht: Ihre Waffen dürfen nicht fotografiert werden. [1] [2] Ähnliche Situationen gibt es auf Schritt und Tritt. Am Nachmittag lockt ein Café beschallt mit gängiger Rockmusik. Der Service ist schlecht, denn das Personal ist mehr am Feiern als am Arbeiten. Einer greift selbst zur Klampfe, andere machen mit Luftgitarre mit und haben wohl auch schon etwas intus. Und auch hier hat wohl jeder zweite eine Waffe dabei. Feiern und Kampfbereitschaft widersprechen sich nicht. Etwas Ähnliches wiederholt sich am Abend in einem vollbesetzten Restaurant. Man versteht sein eigenes Wort nicht bei der Lautstärke und auch hier hat gefühlt jeder zweite seine Waffe dabei. Seltsam wie wenig bedroht man sich mit so vielen Waffen im Raum fühlt. Bei uns in Deutschland lässt jede Waffe im öffentlichen Raum an Amok denken, hier wirken sie eher beruhigend. Offensichtlich ist auch, dass wir beide deutlich über dem Altersdurchschnitt liegen. Die israelische Gesellschaft ist jung, frei, kampfbereit. Ja, es drängt sich der Eindruck auf, dass gerade die Waffen die Bedingung für dieses sehr freizügige Leben sind. Eine Beobachtung, die schwer mit meinen eigenen Überzeugungen kompatibel ist, aber ist halt so. Wer hier nicht auf Widersprüche stößt und versucht damit klar zu kommen, scheint am falschen Platz zu sein. „Dieses Land pack ich nicht!“, hieß ein Buchtitel in den 90er Jahren, in denen junge deutsche Volontäre über ihre Erfahrung im Land berichteten. In dieser Hinsicht hat sich jedenfalls nichts geändert. Wer hier mit Vorurteilen einreist und sie wieder mit nach Hause nimmt, liegt auf alle Fälle falsch.

 

Der fehlende Tourismus ist in Jerusalem noch auffälliger als sonst im Land. Ich war das erste Mal im Grab Jesu in der Rotunde der Grabeskirche. Früher wollte ich wegen der Schlange davor nicht warten, jetzt bin fast alleine hier. Nur vereinzelt verlieren sich einige Touristen aus Fernost in der weitläufigen Kirche. Helmut berichtet vom Ölberg und dem österreichischen Hospiz dasselbe: Wo man sonst für Sachertorte und Verlängerten eine halbe Stunde anstehen musste, wird man jetzt fast mit Handschlag bedient. Ich laufe nicht so weit und mache schon am Neuen Tor eine Ruhepause. Jetzt gibt es den Granatapfelsaft frisch und ich genieße den Trunk vor einem kleinen Café. Genau gegenüber hat ein armenische Friseur sein Geschäft und ruft: “Come! I make you much younger!“ Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und komme mit völliger Glatze und einer „new line“ im Bart wieder raus. So lustig die Unterhaltung ist, auch er klagt über die ausbleibenden Touristen und das fehlende Geschäft. Er hat zwei Kinder im Schulalter zu ernähren, Arbeitslosengeld oder andere Subventionen in Krisenzeiten gibt es in dieser Ecke der Welt leider nicht.

 

Wir sind drei Tage in Jerusalem. Einmal gab es einen kurzen Raketenalarm ohne größere Aufregung. Die kam am 2. Tag nach einem Ausflug ins Haddassah-Krankenhaus in Ein Kerem. Beim Ausstieg aus der Straßenbahn war Helmuts Geldbeutel weg. Sofort fuhren wir zurück und fragten bei der Security nach, ob sie ihn vielleicht gefunden hätten. Einer lachte, deutete zum Himmel und sagte: „Verlorenes Geld ist schon auf diesem Weg.“ War es aber nicht. Am nächsten Tag meldete sich das Fundbüro bei unseren Tel Aviver Freunden, deren Telefonnummer wir hinterlassen hatten. Das Geld war von der Security in der Straßenbahn gefunden und abgeliefert worden. Inzwischen waren wir in Tel Aviv und Helmut musste mit dem Zug noch einmal nach Jerusalem fahren. Geht ja schnell und tatsächlich fehlte im Geldbeutel kein Cent/Agorot.

 

Ansonsten habe ich ja schon von der Tel Aviver Malaise erzählt. Dennoch war es schön, die Begegnungen mit den Freunden, aber auch mit spontanen Bekanntschaften sind unbezahlbar. Nachhaltig geschockt war ich freilich am Samstagabend bei der wöchentlichen Demo auf dem „Platz der Geiseln.“ Mehrere Angehörige erzählten von ihren Lieben in Geiselhaft, einer, der das Massaker von Nir Oz überlebt hatte, von seinem Zwillingsbruder. Fast zwei Jahre dauerte die Geiselhaft nun schon für die letzten zwanzig Überlebenden. Die Atmosphäre war niederschmetternd, Trauer und Verzweiflung mit Händen zu greifen. Zwei Jahre zuvor im Frühjahr 2023 gab es bei allem Pessimismus und Zorn über Netanjahus Treiben doch so etwas wie Happening-Stimmung inmitten einem Meer von Israel-Fahnen, auch gab es bissige Karikaturen, Musik und Straßentheater. Nun herrschte Depression, die Hoffnung war gefühlt auf dem Nullpunkt angekommen.

 

 



[1] Ich habe von Waffen keine Ahnung und will auch keine haben. Aber ich denke schon, dass die Soldaten/Soldatinnen immer noch die legendäre Uzi haben, Marke Eigenbau Israel.

[2] Update von Helmut: „Die Uzi ist eine Maschinenpistole und kleiner und kürzer. Was die da umhängen hatten, sind eher sog. Sturmgewehre. Maschinenpistolen verschießen Pistolenmunition, Sturmgewehre Gewehrmunition mit größerer Reichweite und Durchschlagkraft“.   Macht den Kontrast noch stärker. Allerdings schwächt Helmut an anderer Stelle ab: Die „Mädchen“ waren eher normal gekleidet und nicht so freizügig wie ich sie gesehen habe...