Schon der erste Tag brachte dieses spezielle "Israel-Feeling". Alles fühlt sich anders an, weil die Menschen anders sind. In der Abflughalle beschließe ich, ein Ricola zu lutschen. Ein Mann gegenüber guckt andauernd auf mich. Ich biete ihm ein Bonbon an, er schüttelt den Kopf, kommt aber rüber zu mir und fragt, ob ich ein Schriftsteller,  der über Israel geschrieben hat. Ich verneine, frage aber, wer ich denn sein soll. Er sucht und kreist um den Namen bis wir herausfinden, dass er Tuvia Tannenbaum meint.  Das ehrt mich, ich wusste aber nicht, dass ich ihm ähnlich sehe. Wir unterhalten uns. Er ist ein Clown, der in Krankenhäusern auftritt und arbeitet für eine Organisation,  die diese Auftritte vermittelt. Jetzt kommt er von einem Treffen in Stuttgart,  wo solche Aktivitäten koordiniert wurden,  in Deutschland und Israel. Super Idee von BDS so etwas zu boykottieren.

 

Das Boarding trennt uns. Ich erfahre noch, dass er Nimrod heißt,  nach dem Jäger im AT, ein unbeliebter Name in Israel,  weil er für feindlich gesinnte Nachbarn steht.  Als Clown steht er dazu, er will ja provozieren und zum Nachdenken bringen. Wir reden auch noch über Jeckes.  Natürlich fallen ihm gleich die Kölner Jecken ein, die Clowns im Karneval. Kaum im Flugzeug wechsele ich meinen Platz mit einer jungen Frau, die neben ihrer Schwester sitzen möchte. Ich bekomme dafür einen schönen Fensterplatz. Neben mich setzt sich sogleich ein junger Herr mit bunter Kippa und Zizit, den Gebetsfäden am Hemd. Er ist Nathan aus Stuttgart, Sohn eines Rabbiners. Er kehrt von einem ausgiebigen Deutschlandurlaub zurück in seine Jeschiwa bei Mode'in. Er liest den "Steppenwolf" von Hesse.

 

Wir unterhalten uns intensiv. Endlich habe ich mal Gelegenheit zu einem gründlichen "Jüdisch-christlichen Dialog ". Seine Jeschiwa ist offenbar sehr offen und plural aufgestellt. Alle Absolventen sollen zum Wehrdienst gehen, die antizionistischen Privilegien der Ultra-Orthodoxen lehnen sie ab. Er ist jetzt 20 und wird nächstes Jahr nach seinem Abschluss zur Armee gehen. Sie sind auch chassidisch eingestellt, d.h. sie pflegen die Frömmigkeit der osteuropäischen Juden, von denen Martin Buber die wunderbaren Geschichten gesammelt hat. Seine Familie soll sogar bis zu Rabbi Nachman aus Zbraslav, heute Ukraine, zurück gehen. Dort will er sich auch bald mit seinem Vater und tausenden Chassiden, treffen, um Nachmanns Todestag zu begehen. Vor dem Abschied erzähle ich ihm noch von dem Sitzplatztausch. Er gibt mir die Hand und sagt:"Baruch Haschem!" (Gesegnet der Name, gemeint ist Gott,  dessen Namen man nicht ausspricht). Bei der Landung sagt er: "Jetzt bin ich zuhause! Deutschland ist schön, aber hier bin ich sicher und akzeptiert." Er hatte vorher einiges von antisemitischen Anfeindungen erzählt,  von der Grundschulzeit bis zur Jugendszene, auf der er ausgiebig unterwegs ist.

Eine schöne Überraschung dann nach der Landung. Die ganze Zeit hatte ich mir einen Kopf gemacht wegen der Gehstöcke. Kann ich sie wegen den Sicherheitsmaßnahmen mitnehmen oder nicht.  Sie wurden nicht beanstandet. Erst jetzt nach der Landung nahm ich sie aus dem Rucksack und humpelte auf sie gestützt drauf los. An der nächsten Ecke hielt mich schon ein El Al Mitarbeiter an und fragte,  ob er mich fahren darf. Zuerst stutzte ich,  weil ich den Behindertenstatus  einfach noch nicht gewohnt bin, stimmte aber zu. Ein lautloses Elektrogefährt transportierte mich und zwei weitere Beeinträchtigte zur Passkontrolle, an der langen Schlange bei der Einreise vorbei, und in Nullkommanix waren Pass- und Visakontrolle erledigt. Die Aktion ersparte mir mindestens eine halbe Stunde warten im Stehen.  Nach Autoleihe ging es dann nach Beersheva, die Abrahamstadt am Rande zum Negev.