Das Zitat stammt von meinem Vater, ist aber glaube ich ganz im Sinne von Karl- Markus Gauß. Man/frau sollte ihn unbedingt selbst lesen. So unfassbar der woke Unsinn ist, mit dem er sich auseinander setzt, so groß ist das Vergnügen seine geistreichen Analysen und vielfältigen Beobachtungen zu lesen. Seine „Essays wider Zeitgeist und Judenhass“ hat er unter dem vielsagenden Titel „Schuldhafte Unwissenheit“ veröffentlicht, denn „sie wissen von nichts, das macht sie so unbeirrbar. Sie haben keine Ahnung, daraus beziehen sie ihre Überzeugung. Ihre Unwissenheit darf man ihnen nicht nachsehen, denn sie ist selbstverschuldet. Das sind keine Kinder aus sozial benachteiligten Familien, sie haben keine abgebrochenen Schulkarrieren hinter sich, das sind Studierende, die es auf eine hochrenommierte Akademie geschafft haben, und diese Dummköpfe aus gutem Haus sind auf dem Wege, die deutsche Gesellschaft von morgen zu repräsentieren.“[1]

 

Da zieht sich offenbar eine seltsame rotbraune Spur durch die Geschichte, denn schon mein Vater sagte, wenn er resignative Erkenntnisse hatte: „Gegen Dummheit kämpfen selbst Götter vergebens!“ Immer wieder stellte er (Jahrgang 1927 und im Alter von 17 Jahren freiwilliger Kriegsteilnehmer) sich und anderen die Frage, warum nicht wenigstens die Studierten den Wahnsinn der Nazis durchschauten, sondern im Gegenteil auch noch gern an vorderster Front bzw. in den höchsten Nazirängen mitgemacht haben.

 

Gauß beginnt mit der Beobachtung des Wahnsinns unserer Tage anlässlich einer Performance am 13. November 2023 an der Akademie der Künste in Berlin, als etwa 100 Studierende ihre Handflächen mit roter Farbe beschmierten und diese Kameras, Fotoapparaten und Smartphones entgegen hielten. Damit bezichtigten sie Israel des Völkermords in Gaza. Diese symbolisch nachhaltige Zeichenhandlung hatte es schon einmal gegeben, 24 Jahre vorher, allerdings mit echtem Blut. Damals waren zwei israelische Reservisten mit ihrem Auto auf palästinensisches Gebiet geraten und von der Polizei in Ramallah festgenommen worden. Sie sollten in der zuständigen Polizeistation verhört werden. Dazu kam es nicht, denn ein Mob stürmte die Station, stach den beiden die Augen aus, schlitzte ihnen die Bäuche auf und rissen ihnen bei lebendigem Leib die Eingeweide heraus. Ihre blutverschmierten Hände zeigten sie am Fenster ihren jubelnden Fans draußen. Das Foto dieser Lynchjustiz ging um die Welt.[2] Als die Berliner Aktivisten befragt wurden, ob sie den Zusammenhang kennen, wollten oder konnten sie die Frage nicht beantworten. Für Gauß ist das typisch für die Protestkultur nach dem 7. Oktober2023: schuldhafte Ahnungslosigkeit, kein Wissen, aber klare Meinungen über Völkermord, Kolonialismus, Rassismus und wie ihre Schlagworte heißen mögen. Diese Haltung ist nicht nur selbst hochgradig rassistisch und antisemitisch, sie schadet auch dem berechtigtem Kampf gegen die wirklichen Übel der Welt , seien es Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Imperialismus, Kolonialismus oder Rassismus. Darum muss jetzt, gerade nach dem 7. Oktober, die Dummheit benannt und analysiert werden.

 

Gauß setzt in seiner Analyse 1979 an mit der islamistischen Revolution im Iran. Schon beim französischen Philosophen Michel Foucault[3] konstatiert er eine „politische Spiritualität“, die antiimperialistischen Kampf und schiitisches Märtyrertum in sich vereinigt [4] . Mit der Revolution im Iran 1979 sahen große Teile der Linken die einzigartige Chance gekommen, die Erde endlich vom verdammten Kapitalismus zu befreien. Dazu waren auch die Mittel recht, gegen die die Linke eigentlich antreten sollte. Folter, Inhaftierung und Ermordung von abertausenden Ungläubigen wurde in Kauf genommen, die patriarchale Zwangsherrschaft über Frauen (Schleier!) wurde akzeptiert, der Antisemitismus als Staatsdoktrin gutgeheißen. Foucault hat für die islamistische Revolution begeisterte Artikel in der französischen Presse geschrieben und wurde von Ayatollah Kohmeini noch im Pariser Exil empfangen.

 

Für Gauß ist die Sympathie von AntiimperialistInnen für reaktionären Despote kein Zufall. Sie ist in einem Geburtsfehler der Linken begründet. Marx hatte von der internationalen Arbeiterklasse die Weltrevolution erwartet, mithin die Überwindung von Unterdrückung und Entfremdung, nichts weniger als die Emanzipation der ganzen Menschheit. Die Sowjetunion ist bei der Installation der revolutionären Klasse gescheitert. Also wurde Ersatz gesucht in den Befreiungsbewegungen Asiens und Lateinamerikas oder bei den verelendeten Massen in den hochkapitalistischen Ländern. Aktuellstes Projektionsobjekt ist der Befreiungskampf der Palästinenser mit der Hamas als Speerspitze. So kommt es, dass die Vernichtung Israels logischerweise das gemeinsame Ziel von islamistischem Dschihadismus und antiimperialistischem Aktivismus ist. So mussten beispielsweise  Geistesgrößen wie Judith Butler und Yanis Varoufakis gar nicht die Gegenschläge Israels in Gaza abwarten. Sie rechtfertigten die Massaker vom 7. Oktober zeitnah[5].

 

Gauss entlarvt im Folgenden an vielen Beispielen das „Narrativ“ dieses altneuen Antisemitismus:

 

◦                    Auf die Frage, ob der „Aufruf zum Völkermord an den Juden“, der in etlichen amerikanischen Universitäten zu hören war, nicht gegen den universitären Verhaltenscodex verstößt, kam die Antwort von PräsidentInnen der Unis, es käme auf den Kontext an. Der „Kontext“ ist inzwischen wohl als entlarvender Begriff für Antisemitismus zu sehen.

 

◦                    Zur Rede vom angeblich israelischen Völkermord bietet Gauß folgendes Beispiel: 1970 lebten in Gaza 280.000 Menschen, nach der israelischen Besatzung 2005 lebten dort 1,2 Millionen, nach 20 Jahren Hamas-Herrschaft sind es 2,2, Millionen. Wenn Israel also Völkermord betreibt, wächst die palästinensische Bevölkerung stärker als unter der Hamas-Herrschaft.

 

◦                    Beliebt sind im antiimperialistischen Kampf auch die Nazivergleiche. Die Essayistin Masha Gessen verglich die Attacke am 7. Oktober mit dem Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto. Will sie damit sagen, dass die Juden aus den Ghettos, in die die Nazis sie gepfercht haben, jahrelang Raketen auf deutsche Städte abgefeuert haben? Oder haben die Ghettokämpfer bei ihrem Ausbruchsversuch aus dem Ghetto noch deutsche Frauen brutal vergewaltigt und ein paar deutsche Säuglinge an die Wand geschleudert ?

 

◦                    Auch die Parole „From the River to the Sea“ zeigt die Ahnungslosigkeit und Dummheit der Aktivisten: Eine Untersuchung in der Universität Berkeley hat gezeigt, dass sich etwa nur 15 % der Studierenden nicht mit der Parole identifizierten. Der listige Professor E. Hassner, der die Untersuchung durchführte, stellte eine 2. Frage: Um welches Meer und welchen Fluss handelt es sich eigentlich? Häufige Antworten waren: Nil und Atlantik, auch Euphrat und Karibik wurden erwogen. Genauere Zahlen gibt es leider nicht, aber klar ist, dass die meisten keine Ahnung haben, wenn sie für ein freies Palästina schreiben und schreien.

 

◦                    Weitere schöne Beispiele wie zum Kufya (Pali-Tuch) auf dem Laufsteg oder zu einer „Liste Gaza“ als neuer österreichischen Partei bitte selber nachlesen. Es lohnt sich...

 

 

 



[1]K-M. Gauß, Schuldhafte Unwissenheit, Wien 2025, S. 95

[2] https://www.spiegel.de/ausland/gaza-israel-toetet-palaestinenser-der-am-ramallah-lynchmord-im-jahr-2000-beteiligt-war-a-029d085e-d4a9-421c-a1d2-a41427324a30?sara_ref=re-em-em-sh

[3]Michel Foucault (1926-1984)  hatte und hat großen Einfluss auf postmodernes Denken, feministische Theorie, postkoloniale Studien und Geschlechterforschung.. Vgl. C.Leggewie u.a. (Hrg.) Schlüsselwerke der Kulturwissenchaften, Bielefeld 2012, S. 233ff.

[4]Vgl. dazu und zum Folgenden: Gauß, Das umjubelte Massaker, in: Schuldhafte Unwissenheit, S. 7ff.

[5]s.S.10 a.a.O.