Am Samstag, den 2. Mai, erschien in der „Rheinpfalz“ ein schöner und interessanter Artikel über einen Besuch aus Israel in Ludwigshafen. [1] Elie Avidor aus Tel Aviv begab sich am Schluss einer Rundreise durch Deutschland auf die Suche nach seinen familiären Wurzeln. Sein Vater Emanuel Feist Händler hatte 1934 die Aliya nach Palästina gemacht, um den Nazis zu entkommen.

Zusammen mit seinem palästinensischen Partner Sayel Jabareen hatte Elie in Berlin, Hannover, Bremen, Aachen, Köln und anderen Städten zwei Wochen lang die Arbeit von „Combatants for Peace“ (CfP) vorgestellt und um Solidarität und Unterstützung geworben. Der deutsche Botschafter in Israel Steffen Seibert unterstützt diese Arbeit und hatte den Kontakt zu Anette Weber, Redakteurin bei der „Rheinpfalz“ hergestellt. Ich hatte Gelegenheit, Elie bei seiner „Nach-Cousine“ Doris Diamant in Mannheim zu treffen und brachte ihn am 1.Mai zum Rückflug nach Frankfurt. Die Zeit war kurz, aber ich konnte doch wieder einige aktuelle Eindrücke über Israel sammeln.

Die CfP gibt es seit mehr als 20 Jahren und besteht aus jüdischen und arabischen AktivistInnen, die den Kreislauf von Hass, Gewalt und Krieg im Land durchbrechen wollen. [2] Am Jom Hasikaron, der dem Unabhängigkeitstag Jom Haatzmaut unmittelbar voraus geht, gedenkt man in Israel der gefallenen Soldaten und der Terroropfer im Konflikt mit den Palästinensern. CfP hat mit Gleichgesinnten das Gedenken an diesem Tag auch auf die palästinensischen Opfer der Gewalt ausgedehnt und findet dafür im Land nicht nur Freunde. Elie erzählte mir, dass auf einer der wöchentlichen Großdemonstrationen gegen Netanjahu einmal ein Redner der CfP das Wort ergriffen und auch für die eigene Sache geworben habe. Er wurde dafür ausgepfiffen und verbal attackiert. Während sich die Opposition gegen Netanjahu in den Fragen des Krieges, der Abwehr der Justizreform und gegen die rechtsradikalen Tendenzen der Regierung weitgehend einig ist, gilt dies nicht für die aktive Friedensarbeit. Seit dem Massaker am 7.Oktober 2023 gilt das umso mehr, wurden doch dabei gerade auch friedenswillige Israelis brutal ermordet. Zudem hatte die Hamas gerade diese Gruppen gezielt ausgespäht um ihren verheerenden Angriff planen zu können. Auch unter Netanjahus Gegnern gibt es das Misstrauen gegen Araber. Dazu trägt auch bei, dass die Hamas und andere Radikale Initiativen wie CfP strikt ablehnen. Nach ihrer Ideologie dürfen Araber niemals mit Juden zusammen arbeiten. Deshalb werden im besetzten Westjordanland gerade die palästinensischen Mitglieder von CfP als Kollaborateure Israels immer wieder bedroht. Umso mehr verdienen diese Gruppen Anerkennung für ihren Mut zu Verständigung und Überwindung der Gewalt.

Ich habe Elie auch nach anderen Gruppen gefragt, die sich in dieser heiklen Situation für Frieden engagieren. Das sind gar nicht so wenige, und weil sie hierzulande wenig bekannt sind, will ich einige benennen: Parents Circle/Families Forum; Standing Together; Rabbis for Human Rights; Torat Zedek; The Faithful Left: Taayush; Zazim; New Israel Fund; Women Wage Peace. Dazu das Friedensdorf Neve Schalom/Wahat Al-Salam und die neue Partei „Kol Esracheiha“ („Alle seine Bürger“) [3]

Elie selbst fährt 2x pro Woche zu palästinensischen Hirten im oberen Jordantal in der Nähe von Beth Schean. Dort, wie auch besonders in Gegenden, wo israelische Siedlungen an palästinensische Wohngebiete angrenzen, kommt es immer wieder zu Übergriffen der sogenannten „Hill Youth“. Das sind radikale gewaltbereite Siedler-Jugendliche, die meist vermummt Schafhirten und ihre Herde überfallen, um sie von den Weidegründen zu vertreiben. Die Aktivisten von CfP versuchen das durch Präsenz zu verhindern. Sie filmen, dokumentieren und versuchen die Angreifer zu enttarnen und anzuzeigen. Eigentlich hätte diese Aufgabe das israelische Militär, aber seit der rechtsradikale Minister Ben Gvir für die besetzten Gebiete zuständig ist, dulden die Soldaten nicht nur Übergriffe, sondern sind nicht selten an ihnen beteiligt. Elie selbst wirkt trotz seines überzeugten Engagements skeptisch und ratlos. Im Herbst sind Wahlen zur Knesseth, so sie denn stattfinden. Netanjahu wird das Seine dazu tun, sie zu verhindern - auch mit Krieg. Derzeit gibt es laut Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Rechten und Religiösen und einem Bündnis aus Bennett, Lapid, Eizenkot und weiteren kleinen Parteien. Seit den letzten Wahlen gibt es - wie in Israel üblich - einige Neugründungen und mitentscheidend wird sein, wie clever ihre Zusammenschlüsse sind, so dass auch Klein- und Kleinstparteien ins Parlament einziehen können. Elie meint, es hänge alles davon ab, ob auch arabischen Parteien im Bündnis gegen Netanjahu akzeptiert werden. Warum das nicht so einfach ist, siehe oben...[4]

Ich fragte Elie auch nach seinen Erfahrungen auf der Deutschland-Reise. Er ist überwältigt und dankbar, wie viel Unterstützung und Gastfreundschaft er und sein palästinensischer Freund Sayal überall erfahren haben. Und dann machte er noch eine interessante Bemerkung: In Ludwigshafen war er mit Unterstützung der German Friends of Combatants for Peace auch Gast in einer Berufsschule. Ein Großteil der SchülerInnen hat dort einen Migrationshintergrund. Elie meinte, eigentlich sei er in dieser Schule dem „normalen“ Deutschland begegnet, weil sich die SchülerInnen frei und ungeschützt geäußert hätten. Das habe ihm sehr gefallen. Dieser Besuch in Ludwigshafen geschah nach einer organisierten Rundreise, die Sayel und Elie gemeinsam unternahmen, wie es bei den Combatants for Peace immer der Fall ist: Die Zusammenarbeit in Sachen Gewaltfreiheit wird immer zu zweit demonstriert. Das war Elie extrem wichtig. Der Schulbesuch wurde deshalb auch mit einer Live-Schaltung nach Beit Dschala in Palästina erweitert.



[1] A. Weber, "Friedensaktivist auf Spurensuche“ . Leider kostenpflichtig, lohnt sich aber: https://www.rheinpfalz.de/politik_artikel,-gegen-gewalt-f%C3%BCr-vers%C3%B6hnung-israelischer-friedensaktivist-auf-spurensuche-in-der-pfalz-_arid,5885596.html#google_vignette

[2] Hier ein CfP-Clip in englischer Sprache zur Vorstellung ihrer Organisation:

      https://www.youtube.com/watch?v=PE9wtQ3xFZg

[3] Schon die Namen sind vielsagend! Entnommen habe ich die Liste dem sehr lesenswerten Artikel von Edith Lutz, Heinrich Heine und der Staat Israel, in: Blickpunkt.E 2/2026. S. 42ff.

[4] Noch kurz zur Situation im Westjordanland:

Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 hatte die bisherige Besatzungsmacht Jordanien auf das Gebiet verzichtet. Seither gibt es unterschiedliche Rechtsauffassungen: Die UN sagt, besetztes Gebiet darf nicht besiedelt werden. Israel sagt, wegen Jordaniens Verzicht ist alles Niemandsland, was nicht als Besitz mit entsprechenden Dokumenten nachgewiesen werden kann. Die Gerichte in Israel entscheiden bei neuen Siedlungen und Siedlungserweiterungen von Fall zu Fall. Manche Siedlungen werden als legal anerkannt, andere mussten wieder aufgegeben und Häuser abgerissen werden, wenn sie illegal waren. Seit Ben Gvir Netanjahus Minister ist, betreibt er offen Vertreibungspolitik. Die Armee wird zunehmend von Siedlern unterwandert und kommt ihrer Aufgabe, auch Palästinenser vor kriminellen Siedlern zu schützen, nur noch unzureichend nach. Ob es eine ähnliche Tendenz bei den Gerichten gibt, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls greift rechtsradikales Unrecht nicht nur im besetzten Gebiet immer weiter um sich.