Der „ARD-Weltspiegel" vom 8. Februar 2026 brachte ein denkwürdiges Interview zum 1. Jahrestag der Freilassung von Eli Sharabi. Es sollte Pflichtprogramm sein für alle, die sich zu Gaza, Israel und Nahostkonflikt äußern. Es beginnt mit einem Strandspaziergang nördlich von Tel Aviv, die Wellen rauschen, der Himmel ist blau, aber nichts ist gut. Rückblende: Bilder vom Massaker der Hamas im Kibbutz Beeri sind zu sehen. Eli wird gekidnappt, er kann noch seiner Frau und seinen beiden Töchtern zurufen:„Ich komme wieder zurück!“ Er wird nach Gaza gebracht, wo ihn ein Mob von Zivilisten lynchen will. Die Terroristen verhindern das, er wird noch gebraucht. Anfangs ist er in einer Wohnung untergebracht, dann wird er zu einem Tunneleingang gebracht. Er sieht sich lebendig in einem Grab und weigert sich hinabzusteigen. Die Terroristen drohen ihn zu erschießen. Eli steigt hinunter, wo er ein Jahr an Händen und Füßen gefesselt zubringen wird. Ein Wächter bricht ihm die Rippen, als er hört, dass sein Wohnhaus von einer israelischen Rakete getroffen worden ist. Eli ist mit anderen Geiseln zusammen, er ist der Älteste und denkt sich Maßnahmen aus, wie sie überleben können. Morgens beten sie, mit Wasserflaschen trainieren sie, am Abend soll jeder etwas sagen, was an diesem Tag gut war. Das kann etwas Zucker im Tee sein, das kann die Abwesenheit eines besonders brutalen Wächters sein. Immer wieder denkt Eli an sein Versprechen, dass er zu Frau und Töchtern zurückkehren wird. Am 8. Februar 2025 ist es so weit: zusammen mit anderen Geiseln wird er von der Hamas aus dem Tunnel geholt, er ist extrem abgemagert wie die anderen, die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben. Die Hamas inszeniert eine Show vor einer großen Menschenmenge, die ihn auch jetzt wieder am liebsten lynchen würde. Aber er kommt über die Grenze, wird in ein Krankenhaus gebracht und erfährt die bittere Wahrheit: Seine Frau und seine Töchter sind am 7. Oktober in Beeri ermordet worden.
Sophie von der Tann führt das Interview mit einem erstaunlich gefassten Mann. Er wird ein Buch über seine Geschichte schreiben und will wieder Fuß im Leben fassen. Die Erinnerungen an seine Familie begleiten ihn auf Schritt und Tritt. Er empfindet keinen Hass und keine Rache. Er hält Frieden für möglich. Es ist offensichtlich, wie wichtig ihm dieses einfühlsame Interview ist.
Sophie von der Tann und einfühlsame Interviewerin? Da war doch was! Richtig, anlässlich der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises für herausragenden Journalismus gab es ein gewaltiges Bashing gegen die Journalistin und gegen die ARD und ihr Tel-Aviv-Studio gleich mit. Die Kampagne ging nach meiner Erinnerung vom israelischen Botschafter in Deutschland Prosor aus, flankiert vom ehemaligen Armee-Sprecher Israels Shalikar und mit lautstarker Verstärkung durch „Bild“ und „Welt“. Bei den rechten Israel-Freunden genügt inzwischen die Nennung des Namens „von der Tann“ um die Teufelsfratze „ Israelhass und Antisemitismus“ in den Medien an die Wand zu malen. Hat sie also Kreide gefressen und macht gutes Wetter bei den Rechten?
Als überzeugter ARD-Gucker sind für mich die Berichte des Tel Aviver Studios seit eh und je eine zuverlässige Informationsquelle. Sophie von der Tann hat schon immer so gearbeitet wie in dem ausgezeichneten Interview mit Eli Sharabi. Sie war mit der IDF in einem Tunnel in Gaza unter einem Krankenhaus, sie ist aber auch dort, wo radikale Siedler in der Westbank Ölbäume absägen und Schafherden verscheuchen. Guter Journalismus versucht die ganze Wirklichkeit einzufangen und gerät damit zwangsläufig in Konflikt mit den Interessengruppen. In diesem Fall ist es das rechte Lager um Netanjahu, das längst auftritt wie die üblichen Verdächtigen in Washington, Budapest oder Ankara. Land und Leute in Israel hat dieses Lager nicht verdient, auch wenn es durch Wahlen zustande gekommen ist. Über die Tricks und kriminellen Machenschaften Bibis wurde ja auch schon an dieser Stelle ausführlich eingegangen. Die Zeiten sind so! Widersprüche ohne Ende, aber von der Solidarität zu Israel ist mit keinem Jota [1] abzuweichen!
Tatsächlich ist der grassierende Antisemitismus die größere Gefahr als blinde Israel-Solidarität unterschiedlichster Herkunft. Ich bin immer noch fassungslos, wie das schlimmste Massaker an Juden seit den Nazis diese weltweite Welle von Antisemitismus auslösen konnte. Schon am 7. Oktober 2023 war der Jubel groß, und es ist eine unglaubliche Schande, dass das grässliche Attentat am Bondi-Beach in Sydney immer mal wieder mit der Politik Netanjahus „erklärt“ wird. [2]
Wie kann das sein? Schon Hannah Arendt hat gesagt:„Vor Antisemitismus ist man nur auf dem Mond sicher!“ Wie wahr, aber Erklärungen will ich trotzdem haben. Darum will ich an dieser Stelle in den kommenden Tagen und Wochen einige eindrückliche Analysen wiedergeben, die mit unterschiedlichen Fragestellungen an diese Perversion des Denkens herangehen. Geplant sind Beiträge von Eva Illouz, Natan Sznaider, Karl-Markus Gauss und Herfried Münkeler.
[1] Vgl. Mt 5,18
[2] Grauenhaft dazu auch die Meinung von Wolfgang Benz in SWR-Leute vom 9. Februar2026, der immer noch keinen Zusammenhang von Israel-Kritik und Antisemitismus sehen will. https://www.ardmediathek.de/video/swr1-leute/wolfgang-benz-oder-historiker-und-vorurteilsforscher-oder-so-gefaehrlich-sind-vorurteile-fuer-unsere-demokratie/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyOTk1MDY
Links:
ARD Weltspiegel vom 08.02.2026: https://www.ardmediathek.de/video/weltspiegel/zurueck-ins-leben/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL2Jyb2FkY2FzdC8wMzc1YzEyNy1iNDAyLTRhMjYtYTY0Ni02YWQ1Y2JiNDFkOTZfb25saW5lYnJvYWRjYXN0L3NlY3Rpb24vMDM3NWMxMjctYjQwMi00YTI2LWE2NDYtNmFkNWNiYjQxZDk2
Sophie von der Tann ARD: https://www.tagesschau.de/korrespondenten/sophie-von-der-tann-103.html